Tuchmachertradition in Monschau

 


Ein geschichtlicher Überblick

Die Anfänge der Monschauer Tuchmacherei (17. Jh.)   - Flyer -

Die Anfänge der Tuchmacherei in Monschau fallen mit der Wiederaufbauphase nach dem Geldernschen Krieg zusammen. In diesem Krieg um das Herzogtum Geldern waren 1543 die Burg Monschau schwer beschädigt, die ummauerte Stadt bis auf ein Turmhaus vollständig zerstört worden. Trotz andauernder Kriege in den folgenden 100 Jahren konnte in Monschau nicht allein der Wiederaufbau betrieben werden. Über den Ausbau der Burg hinaus wurde auch die Stadt erweitert, und zwar von der Stadtbrücke am Rurtor ("Richters Eck") rurabwärts und am Laufenbach aufwärts. Denn aufgrund der verkehrsfernen Lage und von einem breiten Waldgürtel umgeben blieb das Monschauer Land trotz einzelner Überfälle im wesentlichen von Kriegseinwirkungen verschont. In diesen "Windschatten" der Ereignisse, forciert in den Jahren einer kurbrandenburgischen Verwaltung (1609-1622), fällt parallel der Aufbau der Infrastruktur für eine umfangreichere Tuchproduktion. Die Nachrichten darüber sind allerdings spärlich, und der Gang der Ereignisse muss aus unscheinbaren Indizien rekonstruiert werden.

Die günstigen Voraussetzungen dazu lassen sich unter drei Gesichtspunkten zusammenfassen.

1. An natürlichen Ressourcen waren reichlich vorhanden:

  • - Wolle aus der einheimischen Schafzucht, die aber zunehmend durch bessere Wollqualitäten abgelöst wurde. Schon in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wurde spanische Merinowolle importiert und verarbeitet.
  • - Ganzjährig fließendes, kalkfreies weiches Wasser zum Waschen und Färben sowie zum Antrieb von Walk- und Schleifmühlen.
  • - Torf aus dem Hohen Venn als Brennmaterial im Färbprozess und zum Trocknen gewalkter Ware.

2. Arbeitskräfte standen neben den Stadtbewohnern im Umland bereit, denn die Bevölkerungszahl war, abseits vom Kriegsgeschehen, nicht dezimiert.

3. Die vergleichsweise liberale Religionspolitik der verschiedenen Herrscherhäuser (Jülich-Kleve-Berg, Kurbrandenburg, Pfalz-Neuburg), die sich im 16. und 17. Jahrhundert ablösten, ließ Unternehmerfamilien, die überwiegend zum Protestantismus tendierten, viel Raum.

Entgegen einer älteren, oft wiederholten These, dass die Tuchmacherei in Monschau durch Aachener Religionsflüchtlinge auf den Weg gebracht worden sei, steht heute fest, dass es einheimische Familien gewesen sind (Schmitz in Monschau, Offermann in Imgenbroich), die den Grundstein gelegt haben.

Ein weiterer Beschleunigungsfaktor lag im Fehlen von Zunftordnungen aller Art. Erst um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert erreichte der landwirtschaftlich geprägte Burgflecken Monschau parallel mit dem Ausbau der Tuchmacherei den Status einer Stadt im Vollsinn des Wortes. Bis dahin war wegen des Fehlens von differenziertem Gewerbe auch kein Zunftwesen entstanden. Daraus folgte ein hohes Maß an wirtschaftlicher Dynamik. Mit der Expansion über die Stadtmauern im Gefolge der Tuchmacherei zu Beginn des 17. Jahrhunderts nahm Monschau die Entwicklung vieler Städte des 19. Jahrhundert voraus.

Aufbau der Infrastruktur einer Feintuchmanufaktur (Wende 17. zum 18. Jh.)

Während die traditionellen Tuchmacherstädte der Ebene noch mit der Erholung von Kriegsschäden befasst waren, vollzog sich in Monschau der Ausbau eines neuen Produktionsstandortes. Dabei setzte man schon früh auf hochwertige Ware durch Verwendung spanischer Wolle (1718 bezeugt), Färben in der Wolle und Appreturschritte nach dem Walken.

Kennzeichen der Produktion im 18. Jh. war die dezentrale Organisation im Verlag. Der Fabrikant als Verleger besorgte Kauf, Lagerung, Waschen und Färben der Wolle, lagerte Spinnen und Weben an Subunternehmer und Heimarbeiter aus und nahm Walken und Appretur, insbesondere das Scheren, wieder in betriebliche Kontrolle einer Manufaktur. Das Verfahren erhöhte zunächst die Flexibilität des Unternehmers gegenüber Nachfrageschwankung und Modewechsel, indem es die Risiken auf Subunternehmer verlagerte. Die ständig zunehmenden höheren Anforderungen an feine Garne und komplexere Stoffmuster drängten jedoch auf Konzentration und Überwachung auch des Spinnens und Webens in eigenen Fabrikationsstätten, sog. Manufakturen (zeitgenössisch "Fabriquen").

Als Haupthindernis des Standorts erwies sich der Vertrieb, der weitgehend über Hausierhandel im Territorium abgewickelt werden musste.

Die "Blütezeit" - der Weg zur Protoindustrialisierung (2. Hälfte 18. Jh.)

Als Blütezeit der Monschauer Tuchmacherei gilt das 18. Jh. mit Höhepunkt von 1765-1790. Sie ist eng mit der Tätigkeit und dem Vorbild von Johann Heinrich Scheibler (1705-1765) verbunden, der 1724 in ein Offermann-Schloessersches Unternehmen eingeheiratet hatte.

Scheiblers Genie lag darin, dass er konsequent aus Monschauer Tuch einen Markenartikel machte und einen Vertriebsweg fand, der aus der Enge des Territoriums hinausführte.

Das gelang durch Verbesserung der Fabrikationsmethoden (Färbe- und Appreturtechniken, Verwendung von ausschließlich spanischer Wolle), Aufgreifen von Modetrends mit Spezialisierung auf Luxusartikel ("geflammte Tuche") und Absatz über Exportmessen (Frankfurt/M., Leipzig u.a.). Der zunehmende wirtschaftliche Erfolg der Feintuchfabrikanten schlug sich im Bau repräsentativer Wohn- und Geschäftshäuser nieder, unter denen das Rote Haus den Glanzpunkt bildet.

Der Aufschwung der Feintuchproduktion führte allerdings auch zu Spannungen zwischen den alteingesessenen katholischen Bürgern (Ackerbauern, Grobtuchfabrikanten) und den (z.T. zugewanderten) Feintuchunternehmern ohne Bürgerrecht, die sich zunehmend durch ihre protestantische Konfession und "Heiratspolitik" als Stand abschlossen. Sie gründeten 1742 in Reaktion auf erste Konflikte mit den Scherern einen "Arbeitgeberverband", die spätere "Feine Gewandschaft". Die Grobtuchunternehmer waren wegen der gemeinsam betriebenen Walken genossenschaftlich in der "Groben Gewandschaft" vereinigt. Versuche der Scherer als hochqualifizierte, meist zugezogene Facharbeiter in gewaltsamen Konflikten (1742, 1762) zünftlerische Schutzregelungen (begrenzte Lehrlingszahlen) und Lohnerhöhungen durchzusetzen, wurden gewaltsam niedergeschlagen.

Die Hochkonjunktur der Tuchmacherei brachte nicht nur Vorteile (z.B. für das Speditionsgewerbe, das von Bewohnern der umliegenden Dörfer betrieben wurde). Der Zuzug auswärtiger Facharbeiter führte zu kräftigen Preissteigerungen, wenn auch der Standort im Vergleich als "Billiglohngebiet" gelten konnte. Die Auslagerung von Spinn- und Webarbeiten ins benachbarte limburgische "Ausland" führte zeitweise zu Arbeitslosigkeit in Monschau und Umgebung. 1774 brachen offene Weberunruhen aus, ebenso erneut Schererstreiks 1797 und 1808.

Zur Kanalisierung des Protestpotentials kam es 1777 nach dem Vorbild zünftlerischer Selbsthilfe zur Einrichtung einer Krankenkasse unter Leitung der Unternehmer.

Der Trend zur Zentralisierung von Arbeitsgängen schlug sich ab 1765 im Bau größerer Fabrikationsstätten für Färberei, Weberei und Appretur nieder, erst noch im engeren Stadtbereich: Beispiele sind der Schmitzenhof (1765), Bongert (1776), Äuchen (1780er), Rosenthal (1784 bzw. 1773), Kolpinghaus/Ley (ca. 1786), Burgau (ca. 1796), neben dem Roten Haus. Monschau wurde damit ein Beispiel für die "Protoindustrialisierung", das organische Hinüberwachsen vorindustriell-manufaktureller in frühindustrielle Produktion.

Umbruch der"Franzosenzeit" (1794-1814): Mechanisierung

Der Einmarsch französischer Revolutionstruppen 1794 brachte den völligen Umbruch aller Lebensverhältnisse und zunächst auch einen tiefen Absturz der Tuchmacherei. Beschlagnahme von Fertigware, Verlust immenser Außenstände, Exportverbote in bisherige Märkte und wertloses Papiergeld trieben Firmen in den Ruin. Der Einbruch offenbarte ein kritisches Strukturmerkmal der Monschauer Firmen: die geringe Eigenkapitaldecke. Fast 50% der Kosten wurden durch Kredite finanziert, das Vermögen steckte in der Produktion ohne Sicherung.

Dennoch ist dieser Einschnitt nicht einfach als Anfang eines kontinuierlichen Niedergangs zu werten, wie das lange als selbstverständlich gesehen wurde. Stagnation und Krise der Monschauer Tuchfabrikation datieren bereits in die frühen 1790er Jahre als Folge des langsamen, aber grundlegenden Umschwungs in der Mode. Seit Mitte der 1780er Jahre begann ein Trend zu leichteren Tuchen (Kaschmirstoffe/"Casimire"), in denen England führend war und die in Monschau spätestens seit 1802 hergestellt wurden.

Nach der Integration der linksrheinischen Gebiete in das französische Kaiserreich 1801 und mit der napoleonischen Wirtschaftsförderung regte sich neuer Unternehmergeist, der sich in Neubauprojekten niederschlug. Sie dienten der Einführung der neuesten Technik, nämlich wasserkraftgetriebener Spinn-, Rau- und Schermaschinen. Die Epoche ist als Übergang in die industrielle Fertigung des 19. Jh. zu werten, die allerdings zu starker Konzentration zu Lasten kleinerer Firmen führte.

Die bis 1814 gelungene Konzentration und Konsolidierung der Feintuchfirmen zeigt sich an neuen massiven Steinbauten, meist in den Randgebieten der Stadt (Wiesenthal 1809, Roter Bau 1815, Ausbau Burgau 1811), die zur Aufstellung von Maschinen geeignet waren.

Im preußischen Staat: weitere Modernisierung zur Industrialisierung (19. Jh.)

Die Eingliederung in den preußischen Staat 1814/15 war ein erneuter schwerer Schlag. Der mühsam erschlossene französische Markt fiel aus, gleichzeitig bestand bis 1818 eine innerpreußische Zollschranke zum Schutz Altpreußens. Nach dem Fall der Kontinentalsperre strömte billige englische Baumwollware auf die Märkte.

Der in der französischen Zeit eingeleitete Weg zur Mechanisierung und industriellen Fertigung wurde ab 1814/15 fortgesetzt. Dies führte einerseits zu Spezialbetrieben (z.B. Lohnspinnereien), andererseits zu Arbeitslosigkeit. Der Einsatz von Schermaschinen ("Tondeusen") brachte z.B. den hochspezialisierten Berufsstand der Scherer zum Verschwinden. Ähnlich verdrängte für glatte Stoffe ab 1850 der Maschinenwebstuhl den Handwebstuhl, der für gemusterte Stoffe noch länger in Betrieb blieb. In den als Spezialfirmen ausgegliederten Lohnspinnereien waren zum großen Teil Frauen und Kinder beschäftigt. Es entstand eine lokale Lohnarbeiterschaft, die von den nun stark schwankenden Konjunkturverläufen abhängig war. Zwischen 1816 und 1820 reduzierten die großen Firmen ihr Personal um ein Drittel. Von den 1813 tätigen 55 Grobtuchfirmen gaben 30 bis 1819 auf. Die verbliebenen Firmen - jetzt weiter diversifiziert in Spinnereien und Färbereien neben Tuchfabriken - schlossen sich 1825 zum "Handelsstand" zusammen.

Es begann aber auch bereits in den 1820er Jahren die erste Abwanderung von Tuchfabrikanten nach Osteuropa.

Mit staatlicher Förderung entspannte sich die Lage ab den 1820er Jahren durch Umstellung auf feine, leichte Casimir-Stoffe. Dennoch verlor der Standort Monschau von der Mitte des Jahrhunderts an zunehmend den Anschluss an die Entwicklung. In der Enge des Tals waren nur kleinere Dampfmaschinen (erste 1843 Wiesenthal) verwendbar, die dafür notwendige Steinkohle verursachte hohe Transportkosten (Eisenbahnanschluss erst 1885). Schließlich versäumte man die Umstellung weg von der traditionellen Luxus-Modeware auf Massenprodukte.

Dauerkrise - Umstrukturierung zum Textilstandort (Wende 19. zum 20. Jh.)

Bereits Mitte der 1840er Jahre traten auf dem Weltmarkt billige Massenfabrikate aus der Lausitz (glatte Tuche) als Konkurrenten der Monschauer Fabriken auf. Deren Konzentration auf den nordamerikanischen Markt ab 1860 hatte schwerwiegende Folgen, als dieser nach 1870 durch die Einführung von Schutzzöllen verlorenging. Die teureren Monschauer Fabrikate fanden in Deutschland keinen Ersatzmarkt mehr. Daher war die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Umorientierung gegeben. Sie vollzog als eine der ersten die Firma F. J. Scheibler 1863 in Dreistegen durch die Herstellung von Kunstwolle (= Reißwolle, vorwiegend Frauenarbeit), was aber auf Vorbehalte der traditionsbewußten Monschauer Tuchfabrikanten stieß und auch einen erheblichen Kapitaleinsatz erforderte (neue Maschinen, dazu auch festere Bauten). Die traditionsreichen Fabriken setzten weiterhin auf Hochpreisware.

Im Jahre 1860 zählte Monschau nur noch 8 Tuchfabriken.

Streichgarnspinnereien, Kunstwoll-, d.h. Reißwollfabriken und (ab 1889) als neuer Zweig die Seidenweberei setzten die Monschauer Tradition der Textilindustrie fort. Die zahlreichen Hausweber, die größtenteils für Aachener Firmen arbeiteten, hatten ab 1890 als Folge der Einführung des Maschinenwebstuhls in den dortigen Fabriken keine Perspektive mehr und fanden lediglich als Fabrikweber in den umliegenden Textilorten Beschäftigung.

Auch im 19. Jh. konnte die Monschauer Textilfabrikation als "Billiglohngebiet" gelten. Lange Arbeitszeiten und schlechte, einseitige Ernährung führten leicht zu Auszehrung und Krankeiten. In der Zeit des stärksten Niedergangs richtete die Stadt 1879/80 eine "Suppenanstalt" zur Unterstützung der Fabrikarbeiter und Arbeitslosen ein.

Noch vor der Einführung von Zwangskassen in Preußen (1845) entstand 1842 eine Allgemeine Krankenkasse, die 1856 748 Teilnehmer zählte, im wesentlichen von den Arbeitern selbst getragen. Früher schon sind arbeiterfinanzierte Firmenkassen (z.B. 1824 bei der Spinnerei von Guido Scheibler) belegt.

Soziale Konflikte entluden sich im 19. Jh. im allgemeinen nicht in Arbeitskämpfen, sondern meist in "Pöbelexcessen" infolge hohen Alkoholkonsums. Streiks gab es erst ab 1893, und als erste Gewerkschaft fasste der Christliche Textilarbeiterverband um 1900 in Monschhau Fuß.

Die überlebenden Tuchfabriken gerieten seit den 1870er Jahren bei einer stark schwankenden Auftragslage, z. T. als Folge der jahreszeitlichen Konjunkturen, in eine Dauerkrise und produzierten nur noch vergleichsweise kleine Mengen. Arbeitslose Fabrikarbeiter suchten Beschäftigung in der Feld- oder Waldarbeit bzw. wanderten in umliegende Textilfabrikorte ab. In der 2. Hälfte des 19. Jh. verlor die Stadt dadurch mehr als ein Drittel ihrer Bewohner. Ende der 1880er bzw. Anfang der 1890er Jahre gingen fast alle Firmen ein. Mit der Schließung der letzten Tuchfabrik der Firma Louis Scheibler Sohn endete 1908 die traditionelle Monschauer Feintuchherstellung.

Hatte Monschau mit der Ausbildung von manufaktureller und industrieller Fertigung das Modell "klassischer" Industriezonen des 19. Jh. (z.B. Ruhrgebiet) um Jahrzehnte vorweg genommen, so wies es auch mit dem Ende von Tuch- und Textilproduktion auf die Entwicklung zu Industriebrachen und die Aufgabe zur Neuorientierung voraus.

 Elmar Neuß / Toni Offermann